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Tom - Am Anfang waren viele Tränen ...

Foto Tom

Fallot'sche Tetralogie


Unser kleiner Tom ist im Dezember 2000 geboren worden. Ich habe die letzten Wochen der Schwangerschaft sehr genossen. Wir waren neugierig, wer da wohl in meinem Bauch herumrumpelt! Die Geburt war dann die erste Stufe der Geduldstreppe, die wir erklimmen mussten: Blasensprung, 26 Stunden Kreißsaal, davon neun Stunden Wehentropf. ... dann war Tom endlich da!

Nach der U2 und einer anschließenden Ultraschalluntersuchung stand dann fest, dass Tom einen Herzfehler hat: Fallot'sche Tetralogie. Wir waren schockiert - fühlten uns hilflos. Wie sollte es weiter gehen ? Würde Tom ein glückliches Leben führen können?

Ich habe noch nie in meinem Leben so viel geweint wie in Toms ersten Lebenswochen und es ist kaum möglich, die Gefühle mit wenigen Worten zu beschreiben: Diese innere Leere, alles um einen herum verschwimmt und man hat nur noch ein Rauschen in den Ohren ...

Sucht Euch eine Selbsthilfgruppe
Unsere Hebamme hat uns auf den richtigen Weg gebracht: Ihr könnt es nicht ändern! Also informiert euch, lest Bücher - Wissen gibt Sicherheit. Sucht euch eine Selbsthilfegruppe!

Die Eltern der Herz-Kinder-Hilfe Hamburg e.V. haben uns telefonisch und per e-mail viel seelische Unterstützung gegeben, hatten ein offenes Ohr für unseren Kummer und haben durch ihre Erfahrungen auch unseren Wissenshorizont erweitert.

Es war nicht leicht hinzunehmen, dass man Teil der Statistik geworden war, die sonst nur von "den anderen" ausgefüllt wird – die Frage "Warum wir?" ließ sich nicht beantworten.

Tom musste seine Trinkstörung überwinden und wir sollten viel Geduld für ein Schreikind aufbringen. Neben dem Alltag mit unserem Neugeborenen waren die zweiwöchentlichen Vorsorgetermine für uns alle sehr belastend. Die Fahrt zum Kinderkardiologen war weit, die Untersuchungen dauerten lange, Tom musste zwischendurch gestillt werden und dann bekamen wir jedesmal unsere "Ohrfeige", wenn der Befund sich wieder verschlechtert hatte. Die Tage nach den Untersuchungen haben wir dann damit zu tun gehabt, die Eindrücke zu verarbeiten und neuen Mut zu schöpfen.

Manchmal fühlte ich mich überfordert
Dem Kleinen ging es in den ersten Wochen dennoch relativ gut und es war vorgesehen, den Herzfehler im Alter von sechs bis neuen Monaten zu korrigieren, wenn Tom nicht schon vorher einen hypoxämischen Anfall hätte. Ich trug stets die Sorge, ob ich einen Anfall wohl erkennen und richtig reagieren würde. Manchmal fühlte ich mich überfordert von der Verantwortung, die ich trug!

In der ersten Märzwoche 2001 hatte ich zunehmend den Eindruck, dass es Tom schlechter ging. Er schwitzte beim Trinken, war unruhig und hat viel geschrien ... Dabei hat er sich in die Rückenlage geworfen und den Körper überspannt. Blau wurde er aber nicht. Als Tom genau drei Monate alt war, hatte er beim Wickeln dann wieder einen heftigen Schreianfall. Seine Haut verfärbte sich an diesem Tag dunkelgrau-violett und seine Lippen waren aschfahl. Er war kaum wieder zu beruhigen! Es war ganz anders als es in den Büchern stand ... Ich war beunruhigt und konnte die Situation zunächst nicht richtig einschätzen - und wollte das wohl auch nicht, weil ich Angst vor einer vorzeitigen OP hatte. Unser Kinderkardiologe hat uns via Telefon sofort in das Universitätsklinikum eingewiesen - ich konnte nicht glauben, dass es so ernst sein sollte.

Plötzliche Verschlechterung, so typisch
Im Klinikum ließ sich per Ultraschall erkennen, dass der Zufluss vom Herzen zur Lunge fast verschlossen war - das hatte den Anfall ausgelöst. Zwei Wochen vorher war noch alles o.k. gewesen. Aber eine plötzliche Verschlechterung sei typisch für die Fallot Tetralogie, wurden wir aufgeklärt. Den Satz des Arztes: "OP nächste Woche, Sie können sich schon mal an den Gedanken gewöhnen", habe ich erst viel später begriffen ...

Tom und ich wurden beide auf der Kinder-Herz-Station aufgenommen. Die Station ist eine kleine Welt für sich und alles außerhalb wirkt fremd und fern. Auf den OP-Termin zu warten, war nervenaufreibend. In diesen Tagen habe ich oft gedacht, dass ich nicht mehr weiter könne und in Panik ausbrechen würde. Ich wusste nicht, woher ich die Kraft nehmen sollte, das durchzustehen. Es war eine seelische Gratwanderung – nur nicht zur falschen Seite kippen ...

Manchmal bedauerte ich sogar, dass ich mich so gut über alles informiert hatte. Mein Wissen machte mir nun Angst. Wie sollte Tom die OP überstehen? Würden wir ihn verlieren?

Tagsüber war ich mit Stillen, Wickeln, den Untersuchungen usw. beschäftigt und abends, wenn ich Zeit zum Nachdenken hatte, kamen die Tränen. Fast jeden Abend habe ich draußen gestanden und geweint. Aber es hilft nichts, man muss weitermachen und einfach das tun, was zu tun ist. Man hat die Kraft dafür. Ich habe für Tom all meine Reserven mobilisiert, denn er sollte sich so geborgen fühlen wie immer. Am Abend vor der OP sollten wir ihn gründlich baden und umziehen ! Das war eine schöne Aufgabe, obwohl uns das komische Gefühl von "Abschied nehmen" beschlich. Am nächsten Morgen haben wir ihn dann der Schwester an der OP-Schleuse übergeben: "Nehmen Sie ihn schnell mit, bevor wir es uns anders überlegen ...".Dann haben wir gewartet. Mit Tom hatte ich auch die Verantwortung für ihn abgegeben und da ich sonst keine andere Aufgabe hatte, war mein Kopf plötzlich ganz leer ... Diesen Zustand habe ich mir über die Stunden hinweg bewahrt - nicht denken! Bloß nicht anfangen zu denken! Milch abpumpen, spazieren gehen, Galgenhumor ...

Am Nachmittag der er erlösende Anruf
Dann kam am Nachmittag der erlösende Anruf - es war alles gut gelaufen, der Herzfehler konnte wie beabsichtigt korrigiert werden und Tom ging es gut. Wir dürften zu ihm auf die Intensiv-Station kommen. Diesmal habe ich vor Erleichterung geweint. Die anderen Eltern auf der Station haben sich mit uns gefreut. Man hat so viel gemeinsam und alle fühlen dort ehrlich mit.Auf der Intensiv-Station war ich von all den Schläuchen, Kabeln und Drainagen nicht einmal schockiert - ich habe nur meinen kleinen Tom gesehen. Er hat ganz ruhig geschlafen und war ohne Schmerzen - nur das war wichtig! Er hat die Tage dort (fast) ohne Komplikationen überstanden. Wir durften sogar schon wieder kuscheln - gar nicht so einfach mit all der Kabellage ... Zwei Tage nach der OP haben Torsten und ich den Kleinen selber gewickelt und angezogen und dann durften wir ihn wieder mit auf die Kinder-Herz-Station nehmen. Diesmal war es ein gutes Gefühl, dort aufgenommen zu werden.

Acht Tage nach der OP nach Hause
Einen Tag später durfte ich schon wieder mit dem Stillen beginnen und Tom hat an der Brust getrunken. Er war zwar noch ganz benommen, hatte aber einen riesigen Durst und hat erstaunlich kräftig gesaugt. Dies war einer der schönsten und glücklichsten Momente seit seiner Geburt. Der Kleine war so zufrieden und ich habe diesen Augenblick mit all seinen überschießenden Gefühlen genossen. Tom hat sich so schnell erholt, dass ich Tag für Tag mehr an Wunder geglaubt habe. Vielleicht wurde dies von den Ärzten der Station belächelt, aber man sollte nicht vergessen, dass Herzoperationen für uns Eltern nicht alltäglich sind. Acht Tage nach der OP durften wir wieder nach Hause. Es fiel mir richtig schwer, mich von den anderen Eltern und Kindern, mit denen wir uns auf der Station angefreundet hatten, zu trennen. "In der Welt draußen" erwartete uns ein schöner, sonniger Frühlingstag – wir konnten nicht fassen, so viel Glück im Unglück gehabt zu haben.

Es folgte noch eine anstrengende Zeit. Tom hatte zahllose Eindrücke zu verarbeiten und er hat so viel geschrien, dass ich verzweifelt ärztlichen Rat eingeholt habe. Es hat Wochen und Monate gedauert, bis sich in unser Familienleben ein ruhigerer Rhythmus eingespielt hatte.

Heute kann ich kaum glauben, dass dies alles schon länger als zwei Jahre her ist. Mit der OP ist ein nachhaltig gutes Ergebnis erzielt worden und Tom wurde die Möglichkeit gegeben, sich wie ein herzgesundes Kind zu entwickeln. Durch die regelmäßigen Kontakte zu den Eltern der Herz-Kinder-Hilfe Hamburg e.V. weiß ich, dass dies nicht selbstverständlich ist und bin sehr dankbar dafür. Dennoch - nach erfolgreich verlaufener OP war der Weg bis heute nicht immer einfach. Tom war viel krank und hatte heftige Mittelohrentzündungen. Für eine konsequente Endokarditisprophylaxe waren immer wieder Antibiotika nötig. Eine heftige Magen-Darm-Infektion zog einen zweiten Krankenhausaufenthalt im ersten Lebensjahr nach sich - eine Ess- und Schluckstörung machte das Abstillen fast unmöglich. Hilfe wurde uns in der Kinderpsychosomatik des Klinikums angeboten und so konnten wir alle Hindernisse aus eigener Kraft überwinden.

Psychische Spuren sind noch da, aber auch sehr viel Positives
Aber die vielen Besuche bei den Kinderärzten zeigen vermutlich auch jetzt noch ihre Wirkung. Tom wehrt sich z.B. entschieden, wenn er in Gegenwart Fremder ein Kleidungsstück ausziehen soll – anfangs durfte ich ihm beim Kinderturnen nicht einmal die Jacke und die Mütze ausziehen. Glücklicherweise erfreut er sich in den letzten Monaten bester Gesundheit und hat selbst im Winter keine Infekte gehabt. Tom ist fröhlich, frech und charmant zugleich. Manchmal halten wir Eltern plötzlich inne: Dann wird uns bewusst, dass dies gar nicht selbstverständlich ist und freuen uns über unser Glück. Wir schauen nicht in die ferne Zukunft, denn es scheint uns wichtiger, jetzt unser Leben zu leben. Für uns ist die Fallot´sche Tetralogie mit den notwendigen Vorsorgeuntersuchungen und der Endokarditisprophylaxe "normal" geworden. So soll auch Tom sich selber sehen und lernen, mit seinem angeborenen Herzfehler zwar vernünftig aber eben "normal" umzugehen. Wir hoffen sehr, dass er auch zukünftig so fit bleiben wird.Unser Dank gilt allen, die uns auf unserem bisherigen Weg begleitet haben: Zum Beispiel unserer Hebamme, den Kinderkardiologen, unserer Kinderpsychologin und den Eltern der Herz-Kinder-Hilfe Hamburg e.V. sowie vielen anderen, die sich mit betroffen fühlten. Unser Wunsch ist, auch anderen betroffenen Eltern mit unseren guten Erfahrungen Mut zu machen.

Tom, Torsten und Babette Runge, Juni 2003


 
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