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"Ich freue mich auf mein neues Herz"

Foto Flo war bei der Einschulung der Kleinste

Hamburger Abendblatt - Von Hanna Kastendieck, Miriam Opresnik

Transplantation: 11 778 Menschen warten auf ein neues Organ. Florian Eggers ist einer von ihnen - er ist erst 17 Jahre alt

Innerhalb von 90 Minuten muss er da sein. Zu jeder Tages- oder Nachtzeit. Egal, ob er in der Schule ist oder bei Freunden: "Wenn es so weit ist, zählt jede Sekunde - dann bleiben mir nur eineinhalb Stunden", sagt Florian Eggers (17). Zeit, in der er seine Sachen packen und ins UKE gefahren werden muss. Zeit, in der irgendwo in Europa einem hirntoten Menschen das gesunde Herz entnommen und nach Hamburg gebracht wird. Ein Herz für Florian. Wenn das Organ die Klinik erreicht, muss der schwer kranke Junge bereits auf dem OP-Tisch liegen, mit geöffnetem Brustkorb. Wenige Stunden später wird er mit dem Herzen des Organspenders aufwachen. "Wenn alles gut geht", sagt Florian leise.

Der 17-Jährige ist einer von 11 778 Menschen in Deutschland, die ein neues Organ brauchen - um überleben zu können. Doch er ist mehr als eine Nummer in der Statistik. Er ist der sommersprossige Junge von nebenan. Der am Wochenende mit seinem Vater Christian im Fußballstadion am Millerntor seine Mannschaft anfeuert und in St.-Pauli-Bettwäsche schläft. Ein Junge, der Rennautos liebt, Musikvideos auf MTV guckt und nach der Schule mit seinen beiden Freunden Julian und Patrick rumhängt.

Aber Florian ist auch der Junge mit dem angeborenen Herzfehler und dem Loch in der Herzscheidewand. Der Junge, der mit sechs Monaten das erste Mal am Herzen operiert wurde. Der mit neun Jahren einen Hirninfarkt hatte und ganz von vorn anfangen musste. Der neu sprechen lernen musste, laufen, lesen. Ein Junge, der täglich sieben verschiedene Medikamente nehmen muss, dessen Hände immer eiskalt sind - blau. "Mein Herz ist zu schwach, pumpt zu wenig Blut durch den Körper", sagt Florian über seine lebensbedrohliche Krankheit. So, als rede er über das Wetter.

Für seine Freunde ist Florian "Flo" - auf der Warteliste von Eurotransplant, der Vermittlungsstelle für Organspenden, nur eine Zahl. Eine anonyme Kombination von Daten aus Blutgruppe und Gewebemerkmalen, Körpergröße und Gewicht, aus Wartezeit und Dringlichkeit. Mehr als zehntausend solcher Zahlenkombinationen sind bei Eurotransplant gespeichert. Daten von Menschen, die wie Florian auf eine lebensrettende Organspende warten.

Foto Familie Eggers "Jeder Dritte von ihnen muss aus dem Computer gelöscht werden, bevor ein passendes Organ gefunden wird", sagt Professor Hermann Reichenspurner (45), Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Weil der Mensch hinter dieser Zahlenkombination stirbt. Weil er zu lange warten musste. Weil nicht genug Organe zur Verfügung stehen. "Jeder Dritte - das könnte irgendwann Florian sein", sagt seine Mutter Sabine Eggers (44).

Weil sein Zustand immer schlechter wird, jeder Tag der letzte sein könnte, setzten ihn die Ärzte vom UKE vor wenigen Monaten sein könnte, setzten ihn die Ärzte vom UKE vor wenigen Monaten auf die Warteliste von Eurotransplant. Die Stiftung im niederländischen Leiden kümmert sich um die Vermittlung der Organspenden in Belgien, Luxemburg, Österreich, Slowenien, den Niederlanden und Deutschland.

"Zwölf bis 18 Monate werden wir voraussichtlich auf ein Spenderorgan warten", sagt Sabine Eggers. "Und auch dann, wenn ein passendes Herz mit Florians Blutgruppe 0 gefunden sei, kann es noch lebensbedrohlich werden." Weil Florians Gewebe durch die vielen Operationen vernarbt ist. Und weil der 17- Jährige schon jetzt sehr schwach ist. Bei einer Größe von 1,70 Metern wiegt er gerade mal 45,6 Kilogramm. "Das macht uns schon Sorgen", sagen die Eltern.

Genauso wie der geplante Kroatien-Urlaub im Sommer. Für diese Zeit wird Florian von der Warteliste genommen, weil er eben nicht innerhalb von 90 Minuten im UKE sein kann. "Natürlich haben wir lange überlegt, ob wir das tun sollten", sagt Christian Eggers (45).

Aber: "Man darf sich nicht von der Krankheit auffressen lassen", fügt seine Frau hinzu. Trotzdem: Die Angst, dass ausgerechnet in dieser Zeit ein passendes Herz für Florian gefunden wird, ist groß. Schließlich passieren in den Sommerferien die meisten Verkehrsunfälle . . .

"Wir geben die Hoffnung trotzdem nicht auf", so die Eltern. "Weil immer das Telefon klingeln könnte. Zu jeder Tages- oder Nachtzeit." Deshalb haben sie bereits alles für ein Leben nach der Transplantation vorbereitet: den Teppichboden rausgerissen und Laminat gelegt - wegen der Bakterien. Weil Florians Immunsystem das neue Organ abstoßen könnte, muss es mit Medikamenten ausgeschaltet werden. "Jeder Keim könnte zu einer gefährlichen Infektion führen", sagt die Mutter.

Auch Florian gibt die Hoffnung nicht auf, macht Pläne für die Zukunft. Im Sommer will der Elftklässler den Führerschein machen, nach dem Abitur Physik oder Informatik studieren. "Mensch, Papa, ich freu mich schon auf mein neues Herz", sagt Florian oft zu seinem Vater.

Weil er dann zum ersten Mal in seinem Leben mit seinen Freunden um die Wette laufen kann. Und weil dann nicht mehr jeder Tag der letzte sein könnte.

erschienen am 3. Juni 2004 in Hamburg

 
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